Partizipation mit Rechten und Pflichten

Am vierten Tag der Internationalen Pädagogischen Werktagung lotete Hannelore Reicher aus, welche Möglichkeiten Kindern und Jugendlichen zur aktiven Teilhabe an Entscheidungsprozessen zur Verfügung stehen. Andrea Richter wandte sich aus schulpsychologischer Sicht neben den Kinderrechten auch den damit verbundenen Pflichten zu.

Der Begriff der Partizipation leitet sich vom lateinischen „pars capere“ ab, was soviel wie „einen Teil einfangen“ bedeutet. Mitbestimmung, Teilhabe, Einbeziehung sind auch im pädagogischen Kontext Thema und spiegeln zudem einen wichtigen Teilaspekt der Kinderrechte wider. Die Pädagogin und Psychologin Hannelore Reicher forscht auf dem Gebiet der Inklusion und sozialen Partizipation. Sie sieht Teilhabe als einen Balanceakt zwischen Autonomie und Fremdbestimmung. Mitbestimmung habe enorme gesellschaftspolitische Relevanz und partizipative Bildungsprozesse würden Kinder und Jugendliche auf ihre Rolle als mündige, kritik- und diskursfähige Bürger vorbereiten. Im Schulalltag stellt Reicher einen starken Zusammenhang zwischen dem Grad an Miteinbeziehung von Kindern und Jugendlichen und ihrer emotionalen Haltung der Schule gegenüber, sowie ihrer Lernmotivation fest. „Partizipation bedeutet nicht, das genuin pädagogische Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden aufzugeben“, hält Reicher Kritikern entgegen. Sie ist aber überzeugt davon, dass gelebte Teilhabe in verschiedenster Ausprägung – SchülerInnen-Sprechtage analog zu Elternsprechtagen, Klassenforen, Lernportfolios… – einen wichtigen Beitrag zur Demokratiebildung darstellen.

Die Schulpsychologin Andrea Richter ging in ihren Betrachtungen auf Kinderpflichten ein, die beinahe reflexartig eingefordert werden, sobald von Kinderrechten die Rede ist. Mit Schuleintritt haben Kinder viele neue Pflichten zu erfüllen. Im sozialen Gefüge Schule leiten sich diese aus Schul- und Hausordnungen, Verhaltensvereinbarungen und Klassenregeln ab. Für Erwachsene meist selbstverständlich, müssen Kinder sich in dieser neuen Welt erst orientieren und ihren Platz und ihre Rolle finden. Hilfreich sind Regeln und Vereinbarungen, die positiv formuliert sind und dem Kind vermitteln können, welches Verhalten von ihm erwartet wird. Negativformulierungen verbieten unerwünschtes Verhalten, zeigen jedoch keine Handlungsalternativen auf. „Ein Großteil der Pflichten, die Kinder bei Schuleintritt lernen müssen, umfasst Impulskontrolle“, so Richter – aufzeigen bevor man spricht, anderen nicht ins Wort fallen, am Platz sitzen bleiben und aufmerksam zuhören. Kinder zu Verhaltensweisen hinzuführen, die kulturell und gesellschaftlich wichtig sind, erfordere Ausdauer und Konsequenz. „Erziehung ist permanentes Dranbleiben“, ist Richter überzeugt und erinnert Erwachsene gleichzeitig an ihre Vorbildwirkung: „Kinder sind unheimlich gute Beobachter. Sie beobachten mehr als sie zuhören.“ Wie verhalten sich Kinderrechte und Kinderpflichten nun zueinander? Für Andrea Richter sind Kinderpflichten wie viele Paare von Schuhen, in die Kinder hineinwachsen müssen. Manche sind bequem, manche engen ein. Kinderrechte aber seien der Boden, auf dem die Kinder in diesen Schuhen gehen, laufen oder vielleicht sogar tanzen. Und wie aus dem Publikum ergänzt wurde „manchmal auch barfuß gehen dürfen“.

C.K., Juli 2017

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